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Maurice Gee: Lebende Fracht. Leseprobe aus Kaptitel 11:

Wir fuhren mit dem Zug nach Masterton, damit ich ihre Eltern kennen lernen konnte. Es war keine Kleinigkeit für uns, uns den ganzen Samstag frei zu nehmen. Wir waren gereizt, dachten die ganze Zeit an die Bäckerei, aber auch nervös und unruhig wegen der bevorstehenden Begegnung. Sie würden mich nicht mögen, das war uns schon klar. Sie hatten schon angerufen und gesagt, wie entsetzt sie seien, dass sie ihren "netten Job beim Ministerium" aufgegeben hatte, um dafür "Sklavin in einer Bäckerei zu spielen".
    Den ganzen Weg am Hafen entlang trommelte sie eine nervöse Melodie auf ihren Knien. Ich legte meine Hand auf ihre Hände. "Hör doch auf damit", sagte ich.
    "Du wirst sie nicht ausstehen können."
    "Sind sie so schlimm?"
    "Sie sind ziemlich schrecklich." Sie schaute mich an und grinste und flüsterte mir ins Ohr: "Sie essen Weißbrot."
    "Wie passt du dann in die Familie?"
    "Sie haben mich in einem Korb gefunden, der in den Binsen schwamm."
    "Ha", sagte ich. "Du weißt genau, dass ich kein strenggläubiger Jude bin. Wir brauchen keinen Rabbi, der uns traut."
    "Das wird ihnen sicher gefallen. Josef, bevor du sie triffst, möchte ich etwas über deine Eltern erfahren, bitte."
    Ich erzählte ihr über unsere Wohnung in der Gluckgasse, eine gute Gegend, bloß fünf Minuten zu Fuß zum Graben. Wenn ich aus meinem Fenster über die Dächer schaute, konnte ich die in den Himmel fliegenden Strebepfeiler des St. Stephandoms sehen. Ich beschrieb, wie ich mit einem Hausmädchen und einer Köchin aufwuchs, wie wir, im Mercedes herumfuhren und in den Parks spazierengingen, im Fluss schwammen und im Wald zelteten - nichts davon erschien mir lebendig. Der Zug erreichte den Fuß des Berges, wo Zugmaschinen der Marke Fell angekuppelt wurden. "Ja, Josef", sagte sie, "das ist ja alles sehr interessant. Aber was ist mit ihnen, erzähl über deine Familie."
    Ich sagte, dass ich einen Bruder hatte, Franz, der in Amerika lebte. Wir schrieben uns einmal im Jahr.
    Ich merkte, dass der Druck von Nancys Hand in meiner nachließ, und ich dachte; "Ich werde sie verlieren, wenn ich es ihr nicht erzähle. Wenn ich ihre Geschichte kenne, hat sie auch ein Recht auf meine."
    "Ich hatte eine Schwester, die Susi hieß", sagte ich. "Sie war fünfzehn, als ich Wien verließ. Sie und Franz konnten aus Wien entkommen, als die Nazis einmarschierten. Aber dann starb sie in Paris."
    "Woran ist sie gestorben?"
    "Ich weiß es nicht genau. Franz hat gesagt, sie konnte einfach nicht mehr atmen. Er ging nach New York und da ist er immer noch."
    Sie schluckte. Ich sah den Kloß in ihrem Hals und wollte ihn mit der Hand berühren und fühlen, wie das Blut durchfloss.
    "Und was geschah mit deiner Mum und deinem Dad?", sagte sie.
    So hatte ich sie nie genannt. Diese Bezeichnung brachte sie mir so nahe, dass ich das Gefühl hatte, sie würden sich mir gegenüber hinsetzen. Ich sagte: "Sie sind tot."
    "Erzähl, als sie noch lebten."
    "Also gut." Ich musste jetzt auch schlucken und sie sagte: "Bloß soviel wie du willst, Josef." Sie sagte "Josef" richtig, wie man es in Österreich ausspricht.
    "Sie hießen Anna und Benno", sagte ich. "Er war Kohlenhändler und sie spielte Klavier, aber nicht so gut wie du. Sie waren ..."
    Die ganze Strecke bis nach Masterton erzählte ich über meine Eltern und als ich bei ihrem Tod angekommen war, sagte ich: "Mein Vater kam nach Dachau. Da haben sie alle Sozialisten und Kommunisten hingeschickt. Und alle anderen, die sie nicht leiden konnten oder die sie berauben wollten. Eine Menge Juden. Mein Vater musste nach Dachau, damit einer von der Nazipartei sein Geschäft stehlen konnte. Sie haben sie nicht alle in Dachau umgebracht, bloß einige."
    "Nicht", sagte sie. "Erzähl mir nicht wie."
    "Sie ließen sie verhungern und sie erschossen sie und sie ließen sie sechzehn Stunden am Tag arbeiten. Auch alte Männer. Es war kein Vernichtungslager. Das wurde es erst später. Sie haben meiner Mutter seine Asche geschickt und ließen sie dafür bezahlen. Sie - ich weiß nicht, wovon sie in dieser Zeit lebte. Drei Jahre lang blieb sie in Wien. Dann trieben sie sie zusammen und schickten sie in ein Ghetto nach Polen, nach Lodz. Sie muss wohl zu krank zum Arbeiten gewesen sein. Sie war nur für ein paar Wochen da und dann schickten sie sie ins Todeslager nach Chelmno."
    "Das reicht, Josef. Bitte, nicht weiter."
    "Sie haben sie auf dem Weg zu ihren Gräbern auf den Lastwagen vergast."
    "Josef."
    "Du hast damit angefangen."
    "Hör jetzt auf! Wir sind da, in Masterton. Jetzt geht's um meine Eltern."
    Sie waren noch viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Mrs Brisbois hatte ein falsches Lächeln aufgesetzt und Augen, die mir auf der Stelle verrieten, dass ich ihr missfiel. Auch Nancy grollte sie, weil sie "ihr das antat". Ich konnte nicht glauben, dass es in diesem Hause jemals Liebe gegeben haben sollte. Was den Vater angeht, er war wieder mal ein Roy Cooksley - derselbe aufgedunsene Bauch und die blutroten Backen. Zu seiner Zeit war er ein großer Rugbyspieler gewesen und die Wände waren über und über mit Fotos von ihm in seinem schwarzen Rugbyhemd geschmückt. Riesige Hände. Schultern riesig. Boxerohren, verstümmelt vom Zusammenhalten des Gedränges beim Rugbyspielen. "Brisboy" sprach er es aus, als er sich vorstellte, "keine Fisimatenten hier." Er hatte mit Versicherung zu tun, erzählte er mir in den fünf Minuten, bevor wir mit unseren Neuigkeiten herausrückten. Versicherung, verdammter Cooksley, dachte ich. Und weil ich irgendetwas sagen musste: "Genau wie Kafka."
    "Wer ist'n das? So'n Spaghettifresser?"
    "Ein Schriftsteller", sagte ich - und Nancy starrte mich an, verblüfft. "Er war Tscheche. Und Jude."
    "Na dann, dann sind sie ihn schon losgeworden", sagte Brisbois.
    "Hier in Masterton sind wir nicht allzu scharf auf Ausländer", sagte seine Frau. "Aber wenn Sie mit Nancy befreundet sind ..."
    "In Auckland spielt ein guter Halfback, der heißt Tetzlaff", sagte Brisbois. "Die meisten von diesen Ausländern sind doch kleine Witzfiguren. Möchten Sie wissen, was ich gewogen habe, als ich spielte? Hundert Kilo. Ich konnte Vi untern Arm packen und das ganze Spielfeld mit ihr runterlaufen. Was sagen Sie dazu?"
    "Wozu denn das?", sagte ich.
    Brisbois grinste mich an, oder entblößte er die Zähne? "Um drei Punkte zu gewinnen. Nancy erzählt uns, Sie sind so 'ne Art Bäcker."
    "Ja, das stimmt."
    "Macht man dabei auch Geld oder bloß Knete?" Es sollte ein Witz sein, den er sich zurechtgelegt hatte und ich war so verblüfft, dass ich lachte.
    "Man verdient ganz gut dabei. Nancy hat Brot für Sie und Mrs Brisbois mitgebracht."
    "Ja", sagte Nancy und nahm es aus ihrer Tasche. Es war in ein Tuch gewickelt.
    "Zeig her", sagte Brisbois. "Mein Gott - 'tschuldigung Vi - das wiegt vielleicht. Wenn man genug von denen hätte, könnte man ein Haus damit bauen. Sie verkaufen das Zeug?"
    "Jede Menge", sagte Nancy. "Du bist altmodisch, Dad."
    "Und was machst du? Wie viel zahlt er dir?"
    "Mehr, als ich früher verdient habe. Ich erledige den ganzen Einkauf und führe die Bücher."
    "Das ist lange nicht so nett, wie im Ministerium zu arbeiten. Die zahlten ein Gehalt", jammerte Mrs Brisbois.
    "Jawohl. Schmeiß den Laden hin, Nance. Montag gehst du zu deinem alten Job zurück." Er sah mich an und ich merkte, dass ich unrecht hatte mit der Annahme, dass er auch Humor hatte, nur weil er Witze machen konnte. "Mir kommt es grad so vor, als ob dich dieser Kerl da reinlegen will."
    "Nein, das will er nicht", sagte Nancy. "Mum, Dad, ich möchte euch etwas sagen. Josef und ich werden uns verloben."
    "Nein, wir werden heiraten", sagte ich.
    Mrs Brisbois suchte Halt an ihrem Mann. Sie brach auseinander wie ein Stock. "Brian, sag ihnen, dass das nicht geht."
    "Du wirst keinen Deutschen heiraten", sagte er.
    "Dad, ich heirate, wen ich will. Kannst du dich nicht damit abfinden? Ist es nicht möglich, uns einfach nur Glück zu wünschen?"
    Mrs Brisbois zischte. "Ich habe es immer gewusst, dass diese Musik nichts als Ärger einbringt." (Das "diese" impliziert einiges hier.)
    Brisbois - Brisboy - lehnte sich in seinem Stuhl zurück, dass es krachte. "Ich lasse dich deportieren, mein lieber Freund."
    "Ich glaube nicht, dass Sie das können."
    "Wenn du das machst, dann gehe ich auch", sagte Nancy.
    "Wenn du einen Jerry heiratest, dann können wir dich in diesem Land sowieso nicht brauchen", sagte er.
    "Wenn das so ist, dann gehen wir jetzt. Versuch bloß nicht, mich aufzuhalten, Dad. Ich bin über einundzwanzig."
    "Wenn du durch diese Tür gehst, dann brauchst du nie mehr wiederzukommen."
    "Er ist nicht mal Christ", jammerte Mrs Brisbois.
    "Ich doch auch nicht. Komm schon, Josef."
    "Auf Wiedersehen", sagte ich.
    "Hitler hat schon ganze Arbeit geleistet mit euch Gesindel", sagte Brisbois. "Es ist bloß schade, dass er dich nicht erwischt hat."
    Ich wollte ihn schlagen und es war sicher nicht Angst, die mich zurückhielt - er hätte mich mit einer Hand zerquetscht - sondern Nancy, die schon an der Tür stand. Wenn ich sie hier nicht rausbringe, dann geht sie zugrunde, dachte ich. Ich nahm sie beim Arm und zog sie mit mir den Flur entlang, hinaus in den Vorgarten, durchs Gartentor hinaus auf die Straße. Und Brisbois, auf der Veranda, seine Frau hielt er an der einen Hand, schrie: "Nimm diesen deutschen Scheißdreck wieder mit."
    Er schwang das Brot und warf es nach uns. Ich dachte, er könnte Nancy treffen und zerrte sie aus dem Weg. Es schlug auf dem Gehsteig auf, wo sie gestanden hatte, prallte ab und landete auf der Straße.
    "Ich habe noch mehr Kinder. Ich brauche dich nicht."
    "Lauf", sagte Nancy, "er kommt hinter uns her."
    "Geh langsam", sagte ich. "Geh mit mir. Halt dich an meinem Arm fest."
    Nancy schwankte unsicher. Tränen flossen ihr übers Gesicht. "Ich komme nie wieder hierher zurück", sagte sie.
    "Nein, das geht wohl nicht. Mit solchen Leuten kann man nicht leben."
    "Aber sie sind doch Mum und Dad", weinte sie.
    "Jetzt sind wir schon um die Ecke. Jetzt können sie uns nicht mehr sehen."
    "Wie können sie bloß so sein?"
    "Setz dich ein wenig, Schatz. Hier ist eine Bushaltestelle. Setz dich." Ich gab ihr mein Taschentuch, damit sie sich die Tränen abwischen konnte.
    "Ich liebe dich. Das sollte ich ihnen gesagt haben", sagte sie.
    "Die wissen doch nichts über Liebe."
    "Kann er das wirklich machen? Kann er dich deportieren lassen?"
    "Nein, das kann er nicht."
    "Er kennt alle möglichen Leute."
    "Nancy, das geht nicht."
    "Ich fühle mich so leer. Ich fühle mich so zerrissen. Er war mal so lieb. Er hat mich mal geliebt."
    "Kann schon sein."
    "Ich möchte jetzt weitergehen, Josef. Ich möchte weg von hier."
    Wir wanderten durch fremde Straßen - für sie jetzt genauso fremd wie für mich - zurück zur Stadt. Wir aßen etwas, schlechtes Essen, in einem Café. Dann nahmen wir einen Zug, der anhielt und wieder anfuhr, und reisten zurück nach Wellington. Nancy, erschöpft, schlief den größten Teil der Strecke an meiner Schulter.

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Maurice Gee: Lebende Fracht. Leseprobe

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