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Kilian Fitzpatrick

Keller

Gänge... und dunkel ist es und Flaschen. Seit ich erwacht bin, habe ich im flackernden Schein der Kerze nichts anderes gesehen. Luftzug gibt es keinen, nur wenn ich gehe. Nichts, kein Geräusch, kein Licht. Ich habe Angst die Kerze versehentlich auszublasen, denn ich würde sie nicht mehr entzünden können. Als ich erwachte, stand sie bereits neben mir. Sie brennt und niemand weiß, dass ich mich im Dunkeln fürchte; der Schein umgibt mich wie eine Aura, ein faradayscher Käfig, der die bösen Einflüsse ableitet.
    Seit meinem Urlaub letztes Jahr, hat mich dieser Keller beschäftigt. Ich hatte Aufnahmen mit meinem Fotoapparat gemacht - einfach in das Dunkel hinein, in die weiten Gänge, die vom beleuchteten Rundgang abzweigten. Ich konnte im Blitz für den Bruchteil einer Sekunde sehen, was die Finsternis verbarg. Als ich die Fotos vom Entwickeln zurückbekommen hatte, sah ich es zum ersten Mal: einen kleinen Fuß und ein halb verdecktes Gesicht einer Gestalt, über deren Herkunft ich mir nicht schlüssig war. Sie lugte hinter einem Regal aufgetürmter Weinflaschen hervor. Erst dachte ich ein Kind beim Spielen, aber welches Kind spielt schon in stockfinsteren Kellergewölben?
    So viel ich aus den anderen Fotos ersehen konnte, schien es Licht zu hassen, ja, auf einem Foto schien es eine Flasche in der Hand zu halten, zum Wurf bereit. Oder waren es nur Schatten?
    Ich war mir nicht sicher, was genau auf den Bildern zu sehen war. Ich begann zu recherchieren; wem gehörten diese Keller, wie groß waren sie, wer benutzte sie, u.s.w. Ich hatte nichts Auffälliges herausgefunden: sie wurden teilweise von einem alten Weingut genutzt, das für deren Besichtigung Eintritt verlangte. Die Gewölbe waren 1452 erbaut - teilweise zumindest - und seitdem immer wieder erneuert und ausgebaut worden.
    Bei einer zweiten Besichtigung der Keller hatte ich die Dreistigkeit besessen, mit Helm und Taschenlampe in unbeleuchtete Ecken zu dringen, allerdings ohne befriedigende Resultate. Was suchte ich überhaupt? Ein kleines Kind, das Touristen erschreckte?
    Während ich die Treppen nach oben stieg, hörte ich Flüstern. Der Besitzer und seine Frau sprachen eindringlich miteinander. Ihre Gesichter waren von Sorge zerfressen, sie war den Tränen nahe.
    Ich verstand nicht alles - die Tochter war verschwunden im Keller, sie war offenbar ohne Aufsicht hineingegangen. Er beruhigte sie - ich kehrte leise um, in den Keller, und machte laute Geräusche, sodass sie mich bemerken mussten. Als ich oben anlangte, war niemand mehr da.
    Verlaufen im Keller? Sie wird schon wieder auftauchen, so groß war er auch wieder nicht, oder?
    Ich beschloss noch an diesem Tag abzureisen und spazierte zu meinem Auto. Es war vor der Dorfkirche geparkt. Irgendwie verspürte ich eine plötzliche Lust, sie zu besichtigen, ein wenig über den Friedhof zu spazieren. Das Innere der Kirche war sehr schlicht gehalten, ganz im Stil einer für diese Region typischen Landkirche. Ich stieg auf die Empore und setzte mich auf eine Bank. Jemand betrat die Kirche. Es war der Priester, gefolgt von dem Ehepaar, deren Tochter verschwunden war. Sie weinte, er schwieg. Der Priester murmelte etwas vor sich hin, als sie das Kirchenschiff entlang zum Altar gingen. Zügigen Schrittes verschwand er in der Sakristei, wobei er ständig den Kopf schüttelte; das Ehepaar folgte und die Türe schloss sich.
    Ich schlich die Treppe hinunter, hinaus aus der Kirche. Auf dem Friedhof konnte ich sie wieder sehen; ich versteckte mich, musste mich ducken, damit sie mich nicht entdeckten. Der Priester deutete mit dem Finger auf eine Stelle neben ein paar Gräbern, die separat von den anderen lagen. Sie weinte. Nach einer Viertelstunde waren sie gegangen und ich schlich mich zu der Stelle, wo sie gestanden hatte. Es waren Kindergräber, alle im Abstand von drei Jahren, fast auf den Tag genau.
    Ich wunderte mich und ein Gefühl sagte mir, dass es sich nicht um normale Gräber handelte. Schließlich fuhr ich ab in ein nahe gelegenes Gasthaus.     Als ich einen Tag später wieder vorbeikam, war ein frisches Grab an der Stelle, wo ich gestanden hatte. Der Grabstein trug den Namen der Tochter des Weingutbesitzers. Ich war erschüttert. Hatte man sie gefunden? Ich konnte es nicht glauben, selbst wenn man sie am gleichen Tag geborgen hätte, wäre sie unmöglich schon begraben worden.
    Mein Verdacht wurde bestätigt, als ich nachts das Grab öffnete. Nichts, aber auch gar nichts verbarg sich darin. Man hatte nicht einmal einen leeren Sarg darin vergraben.
    Als ich in den folgenden Tagen erneut den Keller besichtigte, schien alles normal. Der Vater der toten Tochter verwickelte mich sogar in ein Gespräch und überredete mich zu einer Weinprobe in seinem Keller.
    Er hatte viele Jahrgänge, erzählte er, auch alte, und in seinem Keller sei genügend Raum, da konnte er nicht klagen, auch die Lagerung war optimal - er konnte zufrieden sein. Wir begannen mit jungen Weinen, er öffnete eine Flasche nach der anderen. Mir war es schon unangenehm, denn ich hatte nicht vor etwas zu kaufen. Dabei redete er unablässig in einem großen Schwall.
    Die letzte Flasche seiner 1888 Auslese wurde geöffnet, und ich spürte eine tiefe Zuneigung zu ihm, wie ein Vertrauen.
    Er nahm mich an der Hand, die Flasche in der anderen und führte mich herum. Er erklärte, dass es unter dem Boden noch einen weiteren Keller gäbe mit zwei Zugängen, einen kleinen Schacht, der gerade so groß war, dass nur jemand von der Größe eines Kindes hindurch gelangen konnte. Der andere Zugang wäre eine Falltüre - zugesperrt. Er hatte den kleinen Gang noch nicht gefunden, er sei verborgen, aber sobald er ihn fände, würde er ihn vermauern.
    Ich nickte nur, während er erzählte, wie er das Gut von seinem Bruder geerbt hatte. Anfangs ging es gut, doch als plötzlich Tiere zu verschwinden anfingen, wurde er misstrauisch. Seine zwei Hunde, eine Katze, mehrere Hühner und jedes dritte Jahr ein Kind aus der Umgebung. Seine Schwägerin war dem Wahnsinn verfallen, so konnte er sie nicht um Rat fragen. Aber der Priester habe ihn aufgeklärt, erzählte er mit einer Beschwingtheit, die mir in dieser Situation unangemessen erschien. Dabei goss er beständig in mein Glas nach. Ich musste sehr betrunken gewesen sein. Es hasse Licht, sagte er, und liebe Fleisch. Der einzige Grund, warum er hier Touristen herlockte, war dessen Appetit auf Fleisch. Dann lachte er.
    Ich erwachte hier im Keller, die Kerze fast heruntergebrannt. Es musste einen weiteren Ausgang geben, außer der versperrten Falltüre. Es ist lautlos, und doch spüre ich, dass es mich beobachtet; manchmal glaube ich zu sehen, wie ich mit dem Rücken zur Kerze sitze. Es hat Augen wie ich, glaube ich, und Hände und Beine, es ist bestimmt nicht groß und wahrscheinlich hat es Hunger.
    Der Ausgang, die Kerze, Minuten meines Lebens verbrennen. Und ich spüre schon, wie es mich in der absoluten Dunkelheit berührt - doch noch war es hell -, wie es mich umstreift. Wird es mich auslöschen, wie Licht?
    Zähne? Vielleicht ein Knirschen, ich spüre warme Flüssigkeit auf mir, meine Kleidung wird klebrig; und alles geschieht lautlos, mein Puls beginnt zu rasen... Aber noch brennt Licht! Noch bin ich nicht tot, noch lebe ich noch

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