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Nikolai Vogel

Keller

Die Dunkelheit des Gewölbes über meinem Kopf. Ich bin noch nicht lange hier. Dennoch vergehen die Jahre. Das Licht der Sonne bleibt immer oben, zieht nur draußen die Zeit mit sich, doch es wird hereingetragen, liegt unter dem Staub in den Flaschen.
    Die Beleuchtung ist spärlich, wirkt fragil, so als könne sie jederzeit ausfallen - betont hier unten lediglich die Vormacht des Dunkeln, zieht sich fast ängstlich zurück.
    Es herrscht eine gewisse Form von Unwirklichkeit, etwas anderes. Farben haben hier kaum Bedeutung. Jahre sind aneinandergereiht, liegen sich gleichzeitig gegenüber. Die Treppen führten in eine andere Zeit, im Keller bin ich selbst unwirklich, wortlos nur als Gedanke, nur als der unpassende Moment, der man hier ist - sonst vergeht sie nicht weiter.
    Ebenerdig unterirdisch entlang der lichtlosen Kühle liegen die Räume der Aufbewahrung. Ummantelungen aus Glas, die daliegen, wie Zeitbrocken, die aus dem Zusammenhang gelöst wurden. Die Flaschenhälse im Vorbeigehen auf mich zeigend. Viele aufeinander. Hier ruht das, was auf den rauschenden Festen der letzten Generationen nicht mehr getrunken wurde. Die besten Flaschen oft, aufgehoben für besondere Anlässe, die nie eintraten. Das nicht so Gute trinkt man leichter, das Gute überlebt einen oft. Ich bin hier nur ein Besucher aus einer schnellen Welt. Ich bestaune die Flaschen, aber sie nehmen mein Vorübergehen nicht einmal wahr. Auch wenn man die Wege kennt, hat man immer öfter das Gefühl umherzuirren. Immer im Zweifel, auf der Suche nach der richtigen Zeit, dem sicheren Griff, der Gleichzeitigkeit im Genuss der passend zusammengeführten reifen Momente.
    Ich glaube, dass es noch weitere Gänge gibt - es gibt noch viel mehr Gänge, der Keller ist immer größer, als man denkt, und immer gibt es in ihm Regionen, die man nicht betreten kann. Es sei denn, man zerstört anderes.
    Ich höre es glucksen. Und natürlich sehe ich die Bilder - das Bersten von Flaschen, die Flüssigkeit, die überall herausquillt, herabstürzt, hinabflutet, den Boden überschwemmt, mich emporhebt, ich darin schwimmend, trinkend nach mehr Luft, sich verläuft, den entferntesten Boden netzend verrinnt, versickert, verdunstet - mir in die Nase zu steigen, in den Kopf, der diese Bilder sieht.
    - Natürlich nichts von dem, nur das ewige Schweigen des Staubs.
    Der Keller ist immer da. Alles andere sind nur Bilder. Wie wenn die Tiefe existiert, aber die Oberfläche nie. Niemand kennt mehr die, die diesen Keller gruben. Höchstens liegt noch in vergessenen Ecken unter Staubjahren manche Flasche mit Wein, den sie schon tranken. Der Keller selbst wie die Angst vor dem eigenen Grab. Ein Ersatzgrab, gefüllt mit Flüssigkeit, die einem die Angst wegspült.

Ich sehe vier Gestalten im Kreise sitzen. Sie halten große Gläser. Einer verteilt die Flasche in gleich große Portionen. Sie stoßen aufeinander an. Jedoch sind die Schlucke, die sie nehmen von unterschiedlicher Größe.

Ich steige hinunter, in den Keller unter dem Keller. Er ist nicht groß. Hier gibt es keine Flaschen mehr. Nur vier gemauerte Wände und einen Boden aus Erde. Absolute Stille. Kein Geräusch, nichts. Ich warte auf einen Tropfen - darauf, dass er zu Boden fällt. Die Spannung vor dem Klang, der mich zusammenzucken lassen wird, obwohl ich ihn erwarte. Dann versteige ich mich in die Vorstellung, dass ich der Tropfen bin. Ich falle und während der Himmel schon verschwunden ist, kommt der Boden näher. - Doch es bleibt still. Die Feuchtigkeit kriecht hier lautlos die Wände hinab. Im Keller sind die Gedanken, im Keller all die Ängste - das dunkle Spiegelbild.

Gespräch mit dem Tod
    - Ich bin der Tod.
    - Kommst du zu mir?
    - Ich bin der Tod.
    - Das Ende?
    - Ich bin der Tod.
    - Das Leben eine Belanglosigkeit? Vorbei nun? - So, als wäre nie etwas gewesen?
    - Ich bin der Tod.

Die Einsilbigkeit des Todes, der niemandem Antwort gibt. - Dennoch verstummen mit ihm alle Fragen. - Das nie Gewesene im Keller. Dem Licht weggenommen, auch wie der Zeit entfernt. Der Wein in den Flaschen über mir bewahrt sie auf, aber sie verändert sich in ihm, kriecht zur Reife und darüber hinaus zu braunen Durchsichtigkeiten, Gerüchen von Gräbern, Fragen an die Zeit. Für Zungen gemacht. Zeit trinken. Zeit, die im Dunkeln ruhen muss.
    Vor mir Flaschen über Flaschen. Versunken im Staub. Wie ein Erinnerungsbild von mir.
    Es sind Archive der flüchtigsten und schönsten Geschmackseindrücke - und es sind Archive der Vergänglichkeit von Anbeginn. Die Flaschen sind alle leer, in ihnen gibt es auch nur Momente, das Nachhallen des Lichts, ein Verdämmern - in den ältesten sinken die Farben zu Boden. Im Keller gibt es keine Farben.
    Als lagere hier gleichsam eine Allegorie der Absonderlichkeit des Lebens. Sämtliche Unterscheidungen, die immer als wichtig betrachtet wurden, obwohl sie, wenn man sie einmal für sich selbst nimmt, nicht mehr zu sein scheinen als ein belangloser Witz, die Reflexion eines Flügelschlags im Sonnenlicht.
    Das Leben legt sich zwischen Unterscheidungen, die seine Zeit beschäftigten, Mensch und Tier, Frau und Mann, alt und jung, klug und dumm, weiß und schwarz, Nacht und Tag, reich und arm, Bild und Text...
    Vielleicht kann man all dies beim Weintrinken vergessen - die Unterscheidungen konzentrieren sich auf Zunge und Nase, sie ziehen sich zurück ins Flüchtigste - und würden bei dem vollkommenen Wein alle ineinanderfallen - jede Analyse würde aufhören - der Geschmack fast beim ununterschiedenen Leben selbst sein, dann.
    Doch hier ruhen sie noch im Verschlossenen - sie umlagern mich, diese Archive der Zunge - wie eine Ansammlung verschiedener Sprachen, Sprachen, die nicht gesprochen werden, die auf der Zunge selbst sprechen. Ich bin im Keller. Der Wein ist im Keller. Der Wein ist im Glas. Ich bin das Glas. Im Keller gibt es keinen Himmel, aber er ist wie die Nacht.
    Warum sind Archive immer finster, warum sind die Orte, die in die Tiefe ziehen sollten, die Bewahrungsstätten des menschlichen Denkens - warum sind diese Orte immer dunkel, als sollten sie diese Erinnerungen nicht zur Gegenwart bringen, sondern verbergen und schlucken.
    So scheinen diese Flaschen als das wahnsinnigste und ehrlichste Archiv, das man sich überhaupt vorstellen kann: Aufgehoben - über Jahrzehnte bewahrt, Legenden der Geschmacksnuancen, Jahrhundertjahrgänge, ... doch um sie zu erfahren, musste man sie öffnen. Erinnerung und Erfahrung für die Gegenwart gab es nur, indem man sie für die Zukunft vernichtete.
    Und traf nicht auch die Tatsache, dass sich das Aufbewahrte mit den Jahren ständig veränderte, in Wirklichkeit für jedes Archiv zu. Wein blieb nie derselbe - bei anderem war dies nur nicht so offensichtlich. Es gab überhaupt keine Aufbewahrung.
    Vergangenheit unverändert durch die Zeit zu bringen, war nicht möglich.

Gestapelt vor mir noch ein paar seltene übrig gebliebene Flaschen, viele Feiern überlebt, Tokai Essenzia. - Hier ruht das Licht des letzten Jahrhunderts.
    Dies ist im Eigentlichen eine Lichtsammlung. Licht der verschiedenen Regionen. Der Feuerball der Sonne, der morgens hinter dem Dunst steht und ihn dann durchbricht. Die Menschen längst geschäftig auf den Straßen und gebückt in den Weinbergen - viele von ihnen wohl schon tot -; die lichtschwangeren Trauben schon längst entleert, ihr Inhalt hier vor mir in ein paar letzten Flaschen Musigny 1929. Geschwungene Linien der Hügelketten in gleißendem Mittag. Höchstens diese Flaschen alten Chianti Riserva 1947 bewahren es noch: Licht das langsam bricht. Das Prisma der Zeit.
    Aufgebahrt im Dunkeln, damit es nur möglichst langsam schwindet. Eingehüllt und zugedeckt, bewahrt von der Dunkelheit. - Ruhend... strahlen wird es erst wieder auf Zungen, dann, wenn es Kehlen ausleuchtet und sich in hellem Strahl ergießt, allmählich im Morgen ausgelöscht wird - längst aber sich vorher durchscheinend in Bahnen durch den Körper verbreitete und in die Sprache hineinläuft, die in immer mehr Licht immer mehr überstrahlt wird und stammelnd versinkt.
    Die Faszination im Keller ist nicht die Dunkelheit, sondern das gelagerte Licht.
    Mit dem Licht vergeht auch die Zeit.
    In Gedanken steige ich hinauf, schaue geblendet in den Himmel. Die Sonne scheint, als wäre dies ihr erster Tag. - Ich beginne zu trinken.

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